Oder: Wie ein Bündner den Zürcher ÖV überlebte und die 130-Grad-Marke jagt.
Wie treue Leser dieses Blogs bereits wissen, stand am 8. April das hoffentlich grosse Finale für Antonios Knie auf dem Programm: Vernarbungen entfernen und das Gelenk mobilisieren. Das klingt nicht nur ein bisschen nach mittelalterlicher Folter, es tut auch verdammt weh, wenn man dabei nicht selig schlummert. Doch wer hätte geahnt, dass die wahre Herausforderung an diesem Tag gar nicht der OP-Tisch sein würde, sondern der unbarmherzige Zürcher ÖV-Dschungel?
Das Termin-Roulette der Schulthess Klinik
Die Schulthess Klinik hat eine interessante Methode, den Puls der Patienten schon vor der OP in die Höhe zu treiben. Das Konzept nennt sich „Surprise-Eintritt“. Ganze 22 Stunden vor dem Eingriff klingelte das Telefon: „Guten Tag, morgen um 8:30 Uhr antreten! Suchen Sie sich schon mal den Wecker.“ Challenge accepted! Da man nach so einer Knie-Party schlecht selbst Auto fahren kann, musste der ÖV herhalten. Der Fahrplan war ein Albtraum für jeden Langschläfer: Bus nach Chur, Zug nach Zürich HB, Umsteigen aufs Tram und dann noch 9 Minuten Fussmarsch. Dem armen Antonio wurde bei dem Gedanken mulmiger als vor dem Skalpell.
- Profi-Tipp von Antonio: Kauf dir in der SBB-App immer nur ein One-Way-Ticket zur OP. Man weiss ja im Zürcher Verkehrssystem nie, ob man jemals wieder den Weg zurück in die Berge findet!
Die Nacht davor war ohnehin ein Witz. Wer geht schon früh schlafen, wenn man sich vorher noch eine über 3-stündige Gemeindeversammlung zusammen mit Silvia antun kann? Dementsprechend unchristlich war die Stimmung um 6:00 Uhr morgens im Bus. Aber hey, das Wetter war schön, die Vögel zwitscherten Antonio Mut zu, der Mond hatte auch noch Schicht und die Krücken waren als modisches Accessoire (und Backup) mit dabei.




Lost in ShopVille: Ein Bündner in der Grossstadt
Bis Zürich lief alles wie am Schnürchen. Der Zug rollte pünktlich in den Hauptbahnhof ein. Und dann… dann begann der eigentliche Überlebenskampf: Die Suche nach dem Tram Nr. 4. Antonio hatte sportliche 8 Minuten Umsteigezeit. Die Türen gingen auf, die Zürcher Pendlermasse strömte los und Antonio? Lief wie ein braves Schaf einfach hinterher. Mitten in den Untergrund. Unten im ShopVille stand er dann wie angewurzelt: Wo zum Kuckuck ist hier die Bahnhofstrasse?! Er nahm die Beine in die Hand, hechtete eine Treppe hoch, sah Tageslicht – und stand prompt auf der komplett falschen Seite des Bahnhofs.
Kurzer Zwischenstand:
- Antonio: 0
- Zürcher ÖV: 1
Google Maps wurde angeworfen. Das Tram fuhr laut App in einer Minute ab. Google sagte: „Zurück und alles geradeaus.“ Antonio machte das. Und bog natürlich wieder falsch ab. Kurz dachte er über ein Taxi nach (Tram Nr. 4, die Zweite, war längst weg). Dann sah er endlich die Haltestelle! Da stand ein Tram! Er rannte los… falsche Nummer. Er stand natürlich auf der falschen Strassenseite. Das richtige Tram Nr. 4 fuhr ihm exakt in diesem Moment gegenüber vor der Nase weg.
Zum Glück fahren die Dinger in Zürich im Minutentakt. Das 3. Tram mit der Nummer 4 brachte ihn ans Ziel.



Nach einem kleinen Ehren-Umweg zu Fuss (der Haupteingang der Klinik ist erstaunlicherweise nicht in der Tiefgarage), stand er endlich am Empfang. 8 Minuten zu spät, aber er hats geschafft.

Koje 6 und die Haute Couture der Schulthess Klinik
Trotz seiner achtminütigen Verspätung wurde er am Empfang überraschend freundlich begrüsst. Die Anweisung der Rezeption: Lift in den 2. Stock, links abbiegen, ans Telefon gehen und auf den Abholdienst warten. Man glaubt es nach den vorherigen Tram-Eskapaden kaum, aber er hat dieses Telefon tatsächlich auf Anhieb gefunden! 🙂
Er wurde in etwas geführt, das verdächtig nach Notfallstation mit Vorhängen aussah: Willkommen in „Koje 6“!
Es folgte die Modenschau: Das legendäre, hinten offene Klinik-Hemdchen und – Trommelwirbel – Heute auch zusätzlich mit extrem sexy Boxershorts. (Beweisfotos wurden aus Jugendschutzgründen vernichtet). Ausserdem durfte er mit einem schwarzen Edding ein dickes JA auf das zu operierende Bein schreiben. Warum kein Smiley? Und schon war eins auf dem Oberschenkel gekritzelt. 😉



Der Kampf gegen das Propofol
Als der OP-Saal frei war, durfte Antonio selbst dorthin spazieren. Die Szenerie erinnerte an eine Massenabfertigungshalle, aber das Personal war top. Die Nadel für die Infusion sass (nach ein bisschen motiviertem Herumstochern) und die Sauerstoffmaske kam aufs Gesicht.
„So Antonio, jetzt gibt’s das Schlafmittel“, säuselte die Anästhesistin. Wie immer nahm Antonio die Herausforderung an: Ich wehre mich gegen den Schlaf! Ich plaudere euch jetzt an die Wand! Er brabbelte noch irgendeinen unverständlichen Unsinn, von dem er dachte, es sei extrem geistreich… und zack, Lichter aus.
Die Auferstehung und das legendäre Salami-Sandwich
Aufgewacht ist er wieder in seiner geliebten Koje 6. Die Stimmen, die er hörte, waren glücklicherweise nicht die in seinem Kopf, sondern die der wunderbaren Pflegerinnen. Pünktlich zum Mittagessen wurde ein Drei-Gänge-Menü serviert: Ein Wasser, ein Milchkaffee und ein Salami-Sandwich. Auch wenn der innere Gastro-Kritiker anmerkte, dass das Sandwich in der Klinik der Medizinisch Radiologischen Institut (MRI) in Oerlikon damals deutlich besser war, wurde es genüsslich inhaliert.
Kurz vor 14 Uhr kam der Arzt, gab sein Go und Antonio durfte die Heimreise antreten.

Der Adrenalin-Sprint zur Apotheke
Der Weg zur Apotheke (150 Meter bergauf) wurde zu einer Demonstration reiner Willenskraft. Der Bus dorthin war gestrichen? Egal! Antonio klemmte sich die Krücken lässig unter den Arm und lief die Strecke einfach so. Keine Schmerzen, nur Fokus. Dass ihm vor der Apotheke schon wieder ein Tram vor der Nase wegfuhr? Geschenkt. Er war mittlerweile zen-mässig entspannt.



Zurück am HB fand er ohne Umwege den Zug, stieg ein und – als ob das Universum sich für den Morgen entschuldigen wollte – stand er direkt vor dem SBB-Speisewagen! Platz im Überfluss, ein eiskaltes Rivella und ein Stück Bündner Nusstorte (die kulinarisch eher in der Kreisliga spielte, aber was soll’s).



Die Unterführung des Vergessens
In Landquart stieg er aus, um sich von seiner lieben Silvia abholen zu lassen. Und was passierte? In der Bahnhofsunterführung wusste er plötzlich nicht mehr, wo der Ausgang war! Wir schieben das jetzt einfach mal kollektiv auf die Narkose und die Medikamente. (Dass er am Morgen am Zürcher HB das exakt gleiche Problem ohne Drogen intus hatte, ignorieren wir an dieser Stelle galant).
Silvia holte ihn ab, zuhause warteten eine Willkommens-Rose und ein Lösli. Ein perfektes Happy End. 🙂



Mission: 130 Grad!
Der Arzt hat in der Narkose ganze Arbeit geleistet und das Bein bis zum Anschlag auf 130° durchgebogen. Die Ansage für Antonio: „Vollgas geben!“
Keine 24 Stunden später sass Antonio bereits auf dem Hometrainer im Physio im Rathaus. Sein aktueller Trainingsplan liest sich wie der eines Olympia-Athleten: 3x täglich Training, 2x pro Woche Physio. Nach 8 Tagen ist er – trotz Schmerzen beim Biegen – schon bei stolzen 115°!
Die 130° sind das klare Ziel. Antonio ist wild entschlossen, bald wieder auf dem Töff zu sitzen und über Stock und Stein zu wandern. Wie das mit dem Arbeiten wird? Das schauen wir mal. Vorerst stehen die wohlverdienten Frühlingsferien an!


Fazit: 8 Tage, 115 Grad und jede Menge Zuversicht. Die Operation war zwar kein Spaziergang (und die Anreise erst recht nicht!), aber der Fortschritt ist unverkennbar. Ein riesiges Dankeschön geht an das Team der Schulthess Klinik für den fachkundigen Eingriff, an meine geduldige Physiotherapeutin, die nun tapfer mit mir mitleidet, und natürlich an Silvia, die mich nicht nur in Landquart sicher eingesammelt, sondern auch zuhause so lieb empfangen hat.
Jetzt heisst es: Fokus auf die Beugung! Antonio ist zurück im Training und fest entschlossen, bald wieder über Stock und Stein zu jagen. Die Krücken stehen in der Ecke, die Motivation ist am Anschlag. Wir lesen uns bald wieder mit neuen Updates vom Weg zurück zur alten Stärke!
Lieber Antonio
Deine Hoffnung, Geduld, Zuversicht und nun die guten Besserungszeichen freuen mich sehr !!!
Mach weiter so !!!
Dann wirst du wieder fit und jünger 😉
Liebe Grüsse
Renate